ARTenSTERBEN

Wie im jüngsten UNO-Bericht gilt zurecht der Mensch als Verursacher des „sechsten Massensterbens in der Geschichte“, wobei mit dem Begriff Artensterben Tier- und Pflanzenarten gemeint sind. Aber der Mensch selbst ist auch Natur und die Frage nach dem Artensterben muss sich auch auf den Menschen selber richten, auf die Zerstörung seiner eigenen Natur. Die Selbstzerstörung des Menschen ist aber nicht unmittelbar mit seiner Ausrottung gleichzusetzen, sondern gilt als Prozess einer Veränderung mit vielfältigen Ausprägungen.

 

In meiner Serie »Gaia und Anthropos« habe ich mich gefragt, in welche Richtungen bewegt sich der Mensch in unserer und in zukünftiger Zeit.  Ich sehe die unkontrollierte Beschleunigung als eine grundlegende Qualität der Veränderung. Die unkontrollierte Beschleunigung verändert die Zeit selbst. „Alles, was sich über die Klimakrise sagen lässt, ist schon per definitionem anachronistisch, veraltet; und alles, was hinsichtlich ihrer gemacht werden kann, ist notwendigerweise viel zu wenig und zu spät“ (Bruno Latour, 2013) Die Verflüssigung der Zeit führt zwangsläufig zur Verflüssigung des Raumes. Die daran gekoppelte Transformation des Menschen befragen meine Arbeiten. 

 

Die griechische Mythologie trennt zwischen Erde (Gaia) und Mensch (Anthropos), wörtlich: der entgegen Gewendete. Hier ist der Mensch handelndes und veränderndes Subjekt, er entfaltet sich zwischen Himmel und Erde und schafft sich eine „Umwelt“.  Dieses Verhältnis zwischen Mensch und Erde hat sich entscheidend verändert, der Mensch verliert zunehmend seine Handlungsfähigkeit als Subjekt und wird zum Objekt Gaias, die in die menschliche Welt eindringt und zum handelnden Subjekt wird. Die Kollision zwischen Mensch und Erde ist ein weiterer Aspekt in meinen Arbeiten: Umwelt verschwimmt, die Menschen kennen das Ziel ihrer Reise nicht mehr.

 

Schließlich hinterfragt die Serie »Gaia und Anthropos« die Entwicklung (und Zerstörung) der menschliche Natur. Der Mensch verschmilzt zunehmend mit den Maschinen und auch die Herrschaft des Menschen über die Maschine kehrt sich mehr und mehr ins Gegenteil, auch hier verändern Subjekt und Objekt ihre Position. Schon 1956 erklärt Günther Anders, dass der Mensch seiner selbst geschaffenen Technik nicht mehr gewachsen sei, dass er den Apparaten und Geräten unterlegen sei: „Der Mensch ist kleiner als er selbst.“  Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz 60 Jahre nach Günther Anders weist in eine Zukunft, die dem oben genannten Auflösungsprozess der menschlichen Natur eine weitere Dimension verleiht. Die Serie »Gaia und Anthropos« besteht aus Fotografien ohne Fotoapparat, Menschen werden zu Spielzeugfiguren auf der Glasplatte eines Flachbettscanners, werden von verschiedenen Materialien aufgesogen, Lichtreflexe sind letzte Boten einer mehrdimensionalen Welt. Stehen wir tatsächlich an einer „Wende des westlichen anthropologischen Abenteuers“? (Deborah Danowski, 2019)

10.11.2019 - 12.01.2020  BIG-Galerie Dortmund